Nur wer für seinen Job brennt, kann in ihm gut sein und dann sind natürlich ein "bisschen" Überstunden selbstverständlich. Doch jetzt sehen sich Unternehmen und Führungskräfte mit einer neuen Generation von Arbeitnehmern konfrontiert, die das etwas anders sieht. Quiet Quitting heißt der Trend, den frühere Generation wahrscheinlich mit innerer Kündigung bzw. Dienst nach Vorschrift gleichgesetzt hätten. Was es damit auf sich hat und welche Konsequenzen sich daraus für Unternehmer und Führungskräfte ergeben, darüber haben wir mit Thomas Sajdak gesprochen. Er muss es wissen, denn er ist der Autor von "Kein Bock auf Hierarchie" und hat sich unter anderem genau damit befasst.

Herr Sajdak, danke, dass Sie Zeit haben. Das Thema Quiet Quitting taucht momentan überall auf. Aber worum geht es dabei genau und woher kommt das?

Der Hype entfachte sich durch ein amerikanisches TikTok-Video. "Arbeit ist nicht dein Leben", sagt dort ein Mann. Die Rede ist von dem neuen Trend "Quiet Quitting", der so viel bedeutet wie "nur das Nötigste am Arbeitsplatz zu leisten", um genügend Zeit für die wichtigeren Dinge im Leben zu haben.

Quiet Quitting darf dabei nicht mit der inneren Kündigung verwechselt werden. Eine innere Kündigung liegt vor, wenn die betroffene Person in Gedanken schon woanders ist und deshalb noch nicht gekündigt hat.

Damit wird Quiet Quitting von einem Arbeitnehmerthema zu einem Führungsthema, denn in Zeiten des größten Fachkräftemangels überhaupt ist dieser fatale Zustand ein Mitindikator für ungesunde Führungskulturen.

Wie genau äußert sich das im beruflichen Alltag? Das heißt, wie kann ich als Führungskraft erkennen, dass ein Mitarbeiter Anhänger dieser Bewegung ist?

Im Grunde begleiten uns Themen wie allgemeine Arbeitszufriedenheit, Überbelastung seit einigen Jahren. Insofern ist es kein komplett neues Thema. Ich kann es erkennen an folgenden Punkten

  1. Kontinuierliche Distanzierung
  2. Leistung nur bis zum Mindestleistungsstandard
  3. Isolation von anderen Kollegen und Kolleginnen
  4. Rückzug aus allen nicht erforderlichen Meetings, informellen Aktivitäten oder Aufgaben
  5. Wenig Wortmeldungen
  6. Mitarbeitende erzählen von einem plötzlichen Anstieg ihres Pensums, weil sie Rückstände kompensieren müssen.

Wie kann ich als Führungskraft mit Mitarbeitern umgehen, die nur noch "Dienst nach Vorschrift" leisten wollen?

Ich sollte unbedingt mit ihnen in den Dialog gehen. Und zwar offen. Jemand der 100% Arbeitsleistung bringt, macht einen guten Job und hat damit auch keine Kritik verdient. Es macht aber Sinn einmal folgende Fragen zu stellen:

Wie gefallen Dir unsere Arbeitsrahmenbedingungen?
Wie zufrieden bist Du mit meinem Führungsstil?
Was reizt Dich bei uns zu arbeiten?
Was schätzt Du an dem Job?
Womit kann man Dich motivieren?

Abteilungen sind von der Altersstruktur her meistens heterogen. Ich stelle mir vor, dass es da schnell zu Konflikten unter Kollegen kommen kann, wenn jemand nur "Dienst nach Vorschrift" machen möchte, während andere regelmäßig die Extrameile gehen. Wie kann ich als Vorgesetzter dem entgegenwirken?

Diese Konflikte sind real auch wenn nicht immer an der Oberfläche. Ich sollte als Führungskraft den Dialog aller Parteien fördern. Alle Generationen können etwas voneinander lernen. Und damit löst man gleich zwei Dinge. Den Austausch und die Weiterentwicklung. Denn Weiterentwicklung spielt gerade für die jüngeren Generationen eine enorme Bedeutung. Und der Austausch fördert das WIR-Gefühl und das kann auch motivieren mehr füreinander zu tun.

Der Fachkräftemangel bedingt, dass immer mehr Arbeit auf immer weniger Mitarbeiter verteilt wird. Ohne Überstunden ist das kaum zu machen. Wie kann also ein Unternehmen mit den Mitarbeitern umgehen, auf die Quiet Quitting zutrifft, um sie nicht zu verlieren, aber auf der anderen Seite sicherzustellen, dass die Arbeit auch erledigt werden kann?

Damit sprechen Sie vermutlich den Auslöser der ganzen Situation an.

Die zukunftsweisenden Unternehmen sollten sich mit zwei Aspekten besonders beschäftigen:

  • Wie können wir unsere Effizienz und Effektivität durch Digitalierung erhöhen und damit Mitarbeitende entlasten
  • Welche Rahmenbedingungen benötigt es, um die Menschen, die da sind maximal zu binden, zu beteiligen, zu motivieren

Auch über coole Benefits darf man nachdenken.

Folgende beobachte ich aktuell bei Unternehmen:
Lunch-Gutscheine
Company-Bikes
Sport- und Freizeitangebote
Sabbaticals
Freie Tage für ehrenamtliche Tätigkeiten
Freier Tag am Geburtstag
Betriebliche Kinderbetreuung
Weiterbildungsmöglichkeiten
Homeoffice & Remote Work

Haben Sie als Trainer und Führungskraft noch einen ganz persönlichen Tipp für uns, wie wir unseren Führungsstil an die neue Generation von Mitarbeitern anpassen können?

Im Grunde muss der Führungsstil an jedes Individuum angepasst werden. Daher ist der wichtigste Tipp der stetige Dialog mit den Mitarbeitenden.

Wir können am Ende Menschen nur helfen, sich selbst zu motivieren und das schaffen wir in dem wir Ihnen immer aufrichtig zuhören, Anteil nehmen und ihnen selbst zu eigenen Zielen verhelfen, auf die sie stolz sein können.

Ein erster Schritt könnte die Frage sein: was schätzt Du eigentlich an Deinem Job?

Vielen Dank für das Interview.